Mein Besuch in der Ecole Imagine Bericht von Juliane  

04.01.2026

Obwohl ich zwei oder dreimal half, einen riesigen Container für die École Imagine vollzupacken, hatte ich weder einen Bezug zu Maria und Lamine noch zu diesem Schulprojekt.

Dorle hat mich in den Verein "Imagine Nord-Süd e,V." gelockt und ganz zart und langsam wuchs mein Interesse, ich redete viel mit Elisa und Maria. Und dann entschloss ich mich, das afrikanische schulische Leben in Kaolack eine kurze Zeit mitzuerleben. Es war für mich ein Abenteuer, da ich Maria und Lamine noch nicht gut kannte. Ich wusste nur, dass Senegal "ein anderer Planet" sei. Und Maria und Lamine kannten mich eigentlich auch noch nicht.

Die Reise war lang und anstrengend und ich wurde sehr herzlich von Maria und Lamine am Flughafen in Dakar Blaise Diagne empfangen. Ich war gut angekommen, aber meine Koffer waren nicht da. Ich machte eine Vermisstenmeldung. Zwei Tage später hatte ich sie wieder.

Ich erlebte eines meiner schönsten Weihnachten in einem Restaurant am Meer mit den bunten Pirogen und mit sommerlichen Temperaturen. Alles war neu für mich, in der Tat "une autre planète" und ich wurde mit offenen Armen empfangen.


Der Senegal ist ein sehr warmes, weites Land voller Leben. Flach, lichtdurchflutet, mit Baobabs und anderen Bäumen, Blumen und einer Natur, die Ruhe ausstrahlt. 

Und dann das Meer, offen kraftvoll, blau und einladend. Im Atlantik zu baden ist herrlich und das im Dezember!

Meine Reise in den Senegal hat mich tief berührt, Vor allem die Menschen sind mir im Gedächtnis geblieben: ihre Freundlichkeit, ihre Offenheit und eine Zufriedenheit, die nicht aus Überfluss entsteht, sondern aus dem, was da ist. Mit so wenig scheinen die Menschen hier oft glücklicher zu sein als wir in Europa mit all dem, was uns ständig im Überfluss zur Verfügung vorgesetzt wird.

Mich hat ihre Fröhlichkeit, ihr Durchhaltevermögen und ihre Geduld beeindruckt. Entlang kaum befestigten Hauptstraßen standen Frauen in ihren schönen selbstgeschneiderten bunten Kleidern am stinkenden Straßenrand und verkauften ihre Lebensmittel. Um sie herum Gehupe, laute Rufe, Geschrei, der schwere Geruch von Abgasen schrottreifer Autos, die bei uns nur auf dem Schrotthaufen landen würden und doch fuhren sie noch....

Trotz dieses Chaos standen die Frauen ruhig da, den ganzen Tag mit Orangen, Cashewkernen, frischen süßen Papayas - kein Jammern, keine Hast, sondern eine stille Selbstverständigkeit im Tun.

Auch die kleinen Werkstätten haben mich fasziniert. Wir sahen Haufen aus alten Reifen, Blechteilen und scheinbarem Schrott, Dinge, die bei uns längst entsorgt worden wären. Alles hat noch einen Wert, alles wird genutzt, so gut es eben geht. Eine verbeulte Autotür klopft man mit einem kleinen Hammer wieder gerade. Es ist eine Form von Nachhaltigkeit, nicht geboren aus Ideologie, sondern aus Notwendigkeit.

Mir wurde deutlich, wie relativ andere Maßstäbe von Wohlstand, Ordnung und Zufriedenheit sind. Man kommt mit wenig aus und lebt dennoch nicht ärmer.

Mitten im Verkehrschaos größerer und kleinerer Städte sah ich auch Herden magerer Kühe mit großen Hörnern und knochige Schafe auf rotbrauner Erde, zwischen afrikanischen Bäumen. Am goldigsten waren die Esel, die hier im Senegal als reine Arbeitstiere schwer schuften müssen. Sie schienen das Verkehrschaos besser zu verstehen als manche Autofahrer und warteten geduldig bis sie die Straße sicher überqueren konnten.

Kaolack ist eine große Stadt mit etwa 300.000 Einwohner und vielen Moscheen. Aber diese Schönheit des Landes hat ihre Schattenseiten. Die weißen Salinen mit ihrem salzhaltigen Wasser greifen die Gebäude an, und neben blühenden Bougainvillea liegen oft große Müllhaufen. Ich weiß nicht, ob die Abwässer ungefiltert ins Meer fließen, und immer wieder liegt der Geruch von Kloake und Schmutz in der Luft. Es ist für mich kaum vorstellbar, wie Menschen das aushalten. Vielleicht, weil sie es nie anders kennengelernt haben.

Maria und Lamine gingen mit mir zum Kunstandwerkerdorf, wo IMAGINE zwei Ateliers hat und Lamine führte uns durch den riesigen, engen und labyrinthartigen gedeckten Markt von Kaolack, in dem ich mich nicht ohne Erlaubnis entfernen durfte! "Tu restes au milieu! Compris?"

Alles war für mich überwältigend: die bunten Farben und Muster, die großartigen Stoffe, der Schmuck, die Perlen, die Körbe. Ich war immer völlig hin und weg und hätte am liebsten halb Senegal aufgekauft.

Hier leben großartige Künstler, die aus den einfachsten Materialien beeindruckende Dinge schaffen, sogar die tollsten Möbel entstehen dort aus dem, was wir im Westen wegwerfen würden

Aber das tollste und bewundernswerte war "IMAGINE" in den Bereichen Bildung und Handwerk. Seit 2012 gibt es diese Schule. Sie liegt am Rand von Kaolack und ist mit einer großen Mauerumrundung vor Vandalismus und Diebstählen geschützt. Ein Wächter passt auf und ist vor Ort, wenn die Kinder die Schule verlassen. Ich schlief bei Maria auf dem Schulgelände, in ihrer Lehmhütte unter einem Moskitonetz. Im Zentrum des Schulgeländes steht ein wunderschöner großer Mangobaum, der wohltuend Schatten spendet. Auf dem Schulhof gibt es eine Zisterne, zwei Baobabs und weitere mir fremde Pflanzen. Ich fühlte mich dort sofort sehr wohl und fand mich schnell in das Leben hier ein.


Zu Beginn der Weihnachtsferien, an meinem ersten Tag, war die "Kermess" ein Schulfest für die Schüler, deren Eltern und natürlich den Lehrern. Ich lernte so viele wunderschöne Frauen kennen, von denen viele ihr Baby auf dem Rücken trugen, in ihren bunten Kleidern, dass ich kurz dachte, ich hätte irgendwie die falsche Hautfarbe, viel zu blass für all diese Farbenpracht. Die Kinder spielten fröhlich, schaukelten, liefen von Station zu Station und nahmen begeistert an den verschiedenen Spielangeboten teil. Nachdem ich mir das Schulfest zunächst etwas aus der Distanz angeschaut hatte, spürte ich den Wunsch, mich selbst einzubringen. Ich begann spontan mit den Kindern zu spielen und es machte mir so viel Freude, dass es einfach eine wahre Pracht war. 

Das Schulleben, es begann am 02. Januar war wunderschön und arbeitsreich. Lamine bekochte uns mit den herrlichsten afrikanischen Gerichten und arbeitete gefühlte 100 Stunden täglich, um die Schule baulich voranzubringen. Maria und ich führten täglich im Schatten vor ihrem Lehmhaus intensive Gespräche über unterschiedliche Lehrmethoden und darüber, warum es so problematisch ist, den kleinen Erstklässlern gleichzeitig Wolof und Französisch in Wort und Schrift vermitteln zu wollen.

Ich hospitierte in allen Klassen, besonders spannend fand ich die Schulfächer Wolof, Französisch und den ersten Deutschunterricht in der 7. Klasse, erste Collègeklasse mit nur 7 Kindern. Die Lehrerin sprach ein gutes Deutsch, hatte aber nur ein Kursbuch für die ganze Klasse. Trotzdem gelang es ihr, einen lebendigen Unterricht zu gestalten.     


Der Sportunterricht fand täglich im Freien statt und wurde mit Basketball und anderen kleinen Spielen und Turnübungen ergänzt.

Dank der Schulmaterialtransporte von Deutschland nach Kaolack ist nun jedes der sieben Klassenzimmer mit Tischen, Stühlen und einer E-Tafel ausgestattet. Für afrikanische Verhältnisse ist dies ein großer Fortschritt.                                              In den Pausen spielen die Kinder fröhlich in ihren orangenen und türkisfarbenen Hemdchen, einer Art Schuluniform. Sie schaukeln, rennen umher und lachen, fast ohne Gerangel und Streit oder Ablenkung durch Handys. Dabei wirken sie glücklich und zufrieden. Nach der Pause gehen sie geordnet zurück in ihre Klassen, jeweils eine Hand auf die Schulter des Vorderen legend und setzen mit Begeisterung den Unterricht fort


Freitags versammeln sich nach dem Unterricht alle im Schulhof und die Nationalhymne wird gesungen. Danach rennen sie, wie überall auf der Welt zum Torausgang und dann nach Hause.

Am meisten beeindruckt hat mich, wie Maria und Lamine mit einfachen Mitteln auf dem Schulgelände arbeiten und leben. Daraus ensteht eine Ruhe und Gelassenheit, die man bei uns kaum noch findet. Alles, was übrig bleibt, wird in die Schule gesteckt. Mit dem Wenigen, das sie hier in der Schule haben, sind die Menschen zufrieden. Das Gefühl des Überfluss, der oft müde und unruhig macht, existiert hier nicht. Gerade in ihrer Einfachheit strahlt die Schule eine besondere Kraft aus.                          Das Schönste ist, dass Maria, Lamine und ich dort enge Freunde geworden sind. 

                            Im Februar komme ich wieder.